Auf ein Wort – Verwirrungen

Claudia Rössling-Marenbach

Verwirrungen

Morgens halb acht: Zeitung auf dem Tisch und ein paar Infos gelesen. Mit der Familie den Tag und die Woche besprochen. Im Auto kurze Zeit später: Radio an: Nachrichten und Berichte aus der ganzen Welt – Krieg, Terror, Flüchtlinge, rechtsradikale Gewalt in unserem Land, Griechenlandkrise, morgen wolkenloser Himmel, bis zu 37°C. Büro: Erstes Meeting: Strategien für die zweite Hälfte des Jahres. Verkaufszahlen, Ziele, Neukundenakquisition. Mittendrin: Anruf aus der Schule: Die Jüngste muss abgeholt werden: Bauchweh: Schwiegermutter anrufen: „Kannst Du vielleicht….. Ich kann hier nicht weg? Nein? Arzt? Ach Du Schreck. Und jetzt? Ich versuch’s bei der Nachbarin.“ Das klappt. Pffff. Glück gehabt – schlechtes Gewissen. Mittagspause: Schnell rüber zum Einkaufen. Zuhause anrufen. „Alles gut?“ „Mama, ich will, dass Du heimkommst!“ (Kann auch „Papa, ich will dass Du heimkommst!“ heißen!) Noch mehr schlechtes Gewissen. Drei Stunden später: So jetzt nur noch schnell die restlichen 17 Mails beantworten, dann ist Schluss. Halb sechs. Der Tag ist so gut wie gelaufen. Stau auf der Schiersteiner Brücke. Leistungstief. Müde. Jetzt ein bisschen Ruhe. Zuhause setzt der ganz normale Abendwahnsinn ein.

UND WO BLEIBST DU?

Der folgende Text ist kein neuer Text und bestimmt schon vielen bekannt. Aber ich glaube trotzdem, dass man ihn gut ab und zu hören oder lesen kann, um sich wieder zu entwirren, den Kopf wieder klar zu kriegen… und den ganzen Menschen: „Wo soll ich anfangen? Am besten bei Deinen zahlreichen Beschäftigungen, denn ihretwegen habe ich am meisten Mitleid mit Dir. Ich fürchte, dass Du, eingekeilt in Deine zahlreichen Beschäftigungen, keinen Ausweg mehr siehst und deshalb Deine Stirn verhärtest; dass Du Dich nach und nach des Gespürs für einen durchaus richtigen und heilsamen Schmerz entledigst. Es ist viel klüger, Du entziehst Dich von Zeit zu Zeit Deinen Beschäftigungen, als dass sie Dich ziehen und Dich nach und nach an einen Punkt führen, an dem Du nicht landen willst. Du fragst: »An welchen Punkt?« An den Punkt, wo das Herz hart wird. Wenn also alle Menschen ein Recht auf Dich haben, dann sei auch Du selbst ein Mensch, der ein Recht auf sich selbst hat. Warum solltest einzig Du selbst nichts von Dir haben? Wie lange noch schenkst Du allen anderen Deine Aufmerksamkeit, nur nicht Dir selbst? Ja, wer mit sich selbst schlecht umgeht, wem kann der gut sein?
Denk also daran: Gönne Dich Dir selbst. Ich sage nicht: »Tu das immer.« Ich sage nicht: »Tu das oft.« Aber ich sage: »Tu das immer wieder einmal. Sei wie für alle anderen auch für Dich selbst da, oder jedenfalls sei es nach allen anderen.«“
Bernhard von Clairvaux in einem Brief an Papst Eugen III.

Herzliche Grüße,

Ihre Claudia Rössling-Marenbach

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