Auf ein Wort

Claudia Rössling-Marenbach„Du siehst mich.“

Motto des 36. Deutschen Evangelischen Kirchentags 2017

Wenn dieser Gemeindebrief erscheint, ist der 36. Deutsche Evangelische Kirchentag bereits Geschichte.

Zehntausende von Menschen haben (hoffentlich!!) friedlich und ohne Zwischenfälle ein wunderbares Fest des Glaubens feiern können.
Kirchentage erinnern mich auch heute immer noch an meine Jugendzeit: Das war ein Erlebnis mit so vielen anderen Jungen und Alten im Glauben unterwegs zu sein; zu sehen, dass auch andere nicht perfekt sind, in dem, was sie glauben; dass auch andere zweifeln und fragen. Zu sehen aber auch, dass genau diese Menschen miteinander reden, beten, diskutieren und vor allem miteinander singen. In den U-Bahn-Stationen, in den Zügen,  Bussen und Straßenbahnen: Alle waren immer irgendwie beseelt von diesem „spirituellen Ausnahmezustand“. Wir diskutierten die Nächte durch und morgens gab’s „Frischkornbrei“  und eine bestimmte Sorte Hausschuhe (wir machen hier natürlich keine Schleichwerbung ☺) mit dicken  selbstgestrickten Socken waren ein unbedingtes Muss – ebenso wie Zigaretten, Natoparker und Palästinensertuch.

Und dann kamen wir nach Hause und in den ganz normalen Gemeindealltag. Und wir stellten ernüchtert fest, dass sich vieles, was sich in diesen vier Tagen wunderbar leben ließ, nicht einfach in den Alltag der Kirchengemeinde vor Ort transportieren ließ. Da waren alte Menschen, die es furchtbar fanden, wenn eine Band laut und mit Schlagzeug und E-Gitarre in der Kirche musizierte. Da waren Kirchenvorstände/Presbyterien, die nicht noch was Neues anfangen wollten. Da waren Kirchenmusiker, die steif und fest behaupteten, dass man das vorgeschlagene Lied mit der Gemeinde ja überhaupt nicht singen könne (das wir gerade vier Tage und Nächte lang durchgeschmettert hatten). Da waren Pfarrer (Pfarrerinnen gab’s damals noch nicht so viele), die schon so lange ihren Beruf machten, dass sie keine Lust mehr hatten, sich großartig zu bewegen, bewegen zu lassen und noch mehr Arbeit zu haben.

Und so freute man sich denn auf den nächsten Kirchentag, in der Hoffnung, dann wieder miteinander unterwegs zu sein und bis dahin den Glauben nicht verloren zu haben.

Noch heute ist Gemeinde unterwegs – mal schneller, mal langsamer, mal spirituell bewegt und manchmal einfach nur von Finanzen, Bauunterhaltung, Strukturreformen, Pfarrer/-innenmangel und Verwaltungsarbeit blockiert. Letztlich aber sind wir unterwegs: Ein wanderndes Gottesvolk wie Gottes Menschen es seit jeher waren.

Wohin unser Gemeindealltag uns führt, unser Glauben uns führt, das ist uns selbst nicht immer ganz klar. Das ist sicherlich auf der einen Seite abhängig vom Kapitän, der das Schiff auf Kurs bringt, letztlich aber auch von allen, die auf diesem Schiff mit dabei sind.

Glaube lebt vom Miteinander – unter uns Menschen und mit Gott. Vielleicht können ja die vielen Menschen, die aus allen Orten unseres Landes zum Kirchentag fahren, doch den einen oder anderen „reformatorischen Impuls“ mit nach Hause bringen, der uns nicht anstrengt, überfordert oder provoziert, sondern der uns Lust macht, uns wieder auf zu machen in das unbekannte Land, das Zukunft heißt!

Wenn Sie Lust haben, lesen Sie doch mal das Lied 604, in unserem Gesangbuch. Es spiegelt den Zeitgeist der damaligen Generation unübertroffen wieder und ist noch heute ein Ohrwurm!

Ein Schiff, das sich Gemeinde nennt,
fährt durch das Meer der Zeit.
Das Ziel, das ihm die Richtung weist,
heißt Gottes Ewigkeit.
Und wenn uns Einsamkeit bedroht,
wenn Angst uns überfällt:
Viel Freunde sind mit unterwegs
auf gleichen Kurs gestellt.
Das gibt uns wieder neuen Mut,
wir sind nicht mehr allein.
So läuft das Schiff nach langer Fahrt
in Gottes Hafen ein!
Bleibe bei uns, Herr! Bleibe bei uns Herr, denn sonst sind wir allein
auf der Fahrt durch das Meer, o bleibe bei uns, Herr!

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