Texas Carl

Bildquelle: Joachim Deserno

Auf meinen Spaziergängen über den Kreuznacher Friedhof habe ich ein interessantes Grabmal entdeckt, dass mich zuhause sofort an die Suchmaschine geführt hat. Es befindet sich nicht weit vom Eingang und stammt aus dem Jahr 1865. Dort ruhen der Prinz Carl zu Solms-Braunfels und seine Gemahlin, er verstorben im Jahr 1864, sie ein Jahr später.
Wie kommt ein hessischer Prinz nach Kreuznach? Noch neugieriger machte mich eine Tafel aus unserer Zeit, die von Bürgerinnen der Stadt New-Braunfels errichtet wurde. New-Braunfels? Das liegt in Texas. Die Geschichte geht so:

Prinz Carl zu Solms-Braunfels war ein Sohn der Prinzessin Friederike von Mecklenburg-Strelitz, die nach mehreren Beziehungen Königin von Hannover wurde, und Neffe der noch berühmten Königin Luise von Preußen. Er wuchs am Hof in Hannover auf und verschaffte sich durch die Eheschließung mit einer bürgerlichen Frau, mit der er mehrere Kinder hatte, einige Probleme, denen er sich durch eine militärische Karriere in Österreich-Ungarn auswich. Nach einigen Kampfeinsätzen befand er sich in Garnison zu Wiesbaden-Biebrich am Rhein und lernte dort einen Kreis von 21 Adligen kennen, die 1842 einen „Verein zum Schutze deutscher Einwanderer in Texas“ gründeten, den „Mainzer Adelsverein“.
Der Prinz ließ sich für ein Jahr von der Armee beurlauben und fuhr als erster Generalkommissar des Vereins mit einem Haufen Geld nach Amerika, um dort die Ankunft von hessischen Auswanderern vorzubereiten. Aus vielen Gründen herrschte in den deutschen Gebieten große Armut. Junge Männer flüchteten auch vor dem Wehrdienst bei den Landesherren, der sechs Jahre dauern konnte. Es gab auch Pull-Faktoren wie die Verheißung von Land, es gab die technischen Möglichkeiten in Form von Schiffen, und es gab ein irrationales Motiv, nämlich die Hoffnung, in Amerika „sein Glück“ zu machen. Viele machten ihr Glück, andere starben schon auf den Schiffen, so dass mitunter nur 50 von 400 Passagieren ankamen, oder sie verhungerten auf ihren kärglichen Feldern in Texas.

Von Unbekannt – Privatbesitz von Aldina de Zavala (Texas), German Wikipedia, Gemeinfrei, Link

In wenigen Jahrzehnten wanderten über 6 Millionen Deutsche aus, vor allem im 19.Jahrundert. Als Beginn der deutschen Einwanderung gilt jedoch der 6.10.1683, als der Frankfurter Jurist Franz Pastorius mit einer Gruppe von dreizehn mennonitischen Weberfamilien aus Krefeld landete. Sie wurde gefolgt von einer süddeutschen Auswanderungswelle, der sich viele Hessen anschlossen. Die „Abzugsseuche“, auch Amerikafieber genannt, erfasste Handwerker und kleine Landwirte, die erstmals eine Gelegenheit sahen, den drückenden Lasten des Feudalsystems zu entkommen.
Prinz Carl landete in Boston, zog den Ohio hinauf und den Mississippi hinunter nach New Orleans und erreichte am 1.Juli 1844 Galveston in Texas. In der Matagorda Bay gründete er „Carlshafen“ für die Ankunft der Siedler, heute Indianola. Dort empfing er im Dezember die ersten 200 Familien, die nach 10-wöchiger Überfahrt mit vielen Todesfällen eingetroffen waren. Leider gab es kein Land, denn der örtliche Agent hatte das Geld veruntreut. Trotzdem gelang am Zusammenfluss vom Comal River und Guadalupe River die Gründung von Neu-Braunfels, das schon 1850 die viertgrößte Stadt in Texas
war.
Prinz Carl kehrte ein knappes Jahr später zurück, heiratete eine Prinzessin, bekam noch einmal Kinder, und trat wieder in die Armee ein. Er kämpfte als Generalmajor im Deutschen Krieg von 1866. Als
Feldmarschalleutnant schied er 1868 aus der k.u.k. Armee aus und zog sich auf sein Schloss Rheingrafenstein bei Bad Kreuznach zurück, wo er am 13.11.1875 starb. Neben ihm ruht seine Frau Sophie auf dem Stadtfriedhof von Kreuznach. Zeitgenossen und Historiker gaben ihm die Beinamen „Texas Carl“ und „Letzter Ritter des Mittelalters“.